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Pflegende Angehörige und die psychische Gesundheit
24.11.2026
Rund um die Uhr für einen geliebten Menschen da sein und gleichzeitig den eigenen Alltag bewältigen: Für viele pflegende Angehörige ist das Realität. Sie übernehmen eine wichtige Rolle in der Gesundheitsversorgung und ermöglichen es vielen Menschen, bei Pflegebedürftigkeit länger zu Hause zu leben. Doch wer unterstützt eigentlich diejenigen, die sich täglich um andere kümmern? Zwei Studien geben Einblick in die Situation pflegender Angehöriger. Sie zeigen, wie gross ihr Einsatz ist, welche psychischen Belastungen entstehen können und weshalb finanzielle Entschädigung allein nicht ausreicht.

Pflegende Angehörige stellen ihre eigenen Bedürfnisse oft zurück
Wer einen nahestehenden Menschen pflegt, stellt dessen Bedürfnisse häufig über die eigenen. Eigene Interessen, soziale Kontakte und Erholungszeiten geraten nicht selten in den Hintergrund. Eine Auswertung von 29 internationalen Studien mit insgesamt mehr als 81'000 pflegenden Angehörigen, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Psychology & Health, macht deutlich, wie gross der Bedarf an psychologischer Unterstützung ist.
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Lücke zwischen dem Wunsch nach Unterstützung und deren tatsächlicher Inanspruchnahme: Rund jede dritte befragte Person wünschte sich eine Beratung zu Hilfsangeboten. Tatsächlich nutzte jedoch weniger als jede sechste eine solche Beratung. Besonders häufig benötigten die Angehörigen Unterstützung im Umgang mit Verlust, Ungewissheit und Schuldgefühlen. Auch der Wunsch, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, eigene Interessen weiterzuverfolgen und mit Veränderungen in der Partnerschaft umzugehen, wurde deutlich.
Die Forschenden weisen darauf hin, dass pflegende Angehörige ihre eigenen psychischen Belastungen gerade dann häufig herunterspielen, wenn die betreute Person besonders schwer erkrankt ist. Dabei wäre Unterstützung in dieser Phase besonders wertvoll.
Psychische Belastungen dürfen nicht unterschätzt werden
Die Pflege eines Angehörigen ist oft mit einer emotionalen Dauerbelastung verbunden. Sorgen um den Gesundheitszustand, die Angst vor einer Verschlechterung und die Ungewissheit über die Zukunft können psychisch stark beanspruchen. Hinzu kommen mögliche Schuldgefühle: Darf ich mir eine Auszeit nehmen? Kann ich die Betreuung auch einmal jemand anderem überlassen? Mache ich genug für meinen Angehörigen?
Solche Gedanken können den Alltag zusätzlich belasten. Die Studienauswertung weist darauf hin, dass Depressionen und Angstzustände bei pflegenden Familienmitgliedern häufiger auftreten als in der Allgemeinbevölkerung. Umso wichtiger ist es, psychische Belastungen frühzeitig wahrzunehmen und Unterstützung nicht erst dann anzubieten, wenn die Belastungsgrenze bereits überschritten ist.
Pflegende Angehörige sollten deshalb nicht nur gefragt werden, wie es der betreuten Person geht. Auch ihr eigenes Wohlbefinden verdient Aufmerksamkeit.

Angehörigenpflege in der Schweiz: Eine wichtige Leistung mit wirtschaftlicher Bedeutung
Auch in der Schweiz leisten Angehörige einen wesentlichen Beitrag zur Gesundheitsversorgung. Schätzungen zufolge übernehmen rund 200'000 Personen regelmässig Pflegeaufgaben für Familienmitglieder oder nahestehende Menschen. Sie helfen beispielsweise bei der Körperpflege, beim Anziehen, beim Essen oder bei der Mobilität. Dadurch ermöglichen sie vielen pflegebedürftigen Menschen, weiterhin in ihrem vertrauten Zuhause zu leben.
Lange Zeit wurde diese Arbeit kaum finanziell entschädigt. Ein wegweisender Entscheid des Bundesgerichts im Jahr 2019 veränderte die Situation: Seither können bestimmte ärztlich verordnete Pflegeleistungen, die von Angehörigen erbracht werden, unter bestimmten Voraussetzungen über eine zugelassene Spitex-Organisation zulasten der Krankenversicherung abgerechnet werden.
Dafür müssen sich pflegende Angehörige bei einer entsprechenden Organisation anstellen lassen. Die Vergütung bezieht sich allerdings nicht auf sämtliche Aufgaben, die im Alltag anfallen, sondern auf die anerkannten und verordneten Pflegeleistungen.
Ein grosser Teil der Angehörigenarbeit bleibt unbezahlt
Was in der Diskussion um die finanzielle Entschädigung leicht vergessen geht: Angehörige übernehmen weit mehr als jene Pflegeleistungen, die über die Krankenversicherung abgerechnet werden können.
Dazu gehören beispielsweise:
- Haushaltsarbeiten und Einkäufe
- Kochen und die Organisation des Alltags
- Begleitung zu Arztterminen
- Unterstützung bei administrativen Aufgaben
- emotionale und psychosoziale Begleitung
- Präsenz und Unterstützung in schwierigen Situationen
Diese Aufgaben sind für das Leben der betreuten Person oft genauso wichtig wie die eigentlichen Pflegeleistungen. Sie werden jedoch in der Regel nicht im gleichen Rahmen vergütet. Die Inca-Studie macht damit einen wichtigen Unterschied sichtbar: Die bezahlte Pflege bildet nur einen klar abgegrenzten Teil der gesamten Care-Arbeit ab. Der grössere Teil der alltäglichen Unterstützung bleibt häufig unbezahlt.

Finanzielle Entschädigung ist wichtig – aber nicht genug
Die Möglichkeit, bestimmte Pflegeleistungen vergüten zu lassen, kann helfen, die finanzielle Belastung zu reduzieren und die geleistete Pflegearbeit sichtbarer zu machen. Doch eine Anstellung bei einer Spitex-Organisation löst nicht alle Herausforderungen der Angehörigenpflege, denn die psychische Gesundheit der pflegenden Angehörigen bleibt oft unbeachtet.
Die internationale Studienauswertung zeigt, dass sich viele Angehörige Unterstützung wünschen, diese aber nicht in Anspruch nehmen. Angebote müssen deshalb nicht nur vorhanden, sondern für Betroffene auch leicht zugänglich sein. Die Forschenden sprechen sich dafür aus, pflegende Angehörige regelmässig nach ihrer psychischen Belastung und ihrem Unterstützungsbedarf zu fragen. So können Hilfsangebote frühzeitig vermittelt werden, bevor die Belastung zu gross wird.
Was pflegende Angehörige brauchen
Die beiden Studien machen deutlich, dass Angehörigenpflege aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden muss. Es geht um die Qualität der Versorgung, um finanzielle Rahmenbedingungen und um die Gesundheit der Menschen, die diese Arbeit leisten.
Für pflegende Angehörige können bereits kleine Schritte eine Entlastung sein:
- Unterstützung annehmen: Nicht jede Aufgabe muss allein bewältigt werden. Familie, Freunde und professionelle Dienste können einzelne Tätigkeiten übernehmen.
- Beratung nutzen: Eine fachliche Ansprechperson kann helfen, Fragen zur Pflege, zu finanziellen Möglichkeiten und zu Entlastungsangeboten zu klären.
- Eigene Bedürfnisse ernst nehmen: Pausen, soziale Kontakte und persönliche Interessen sind kein Luxus, sondern wichtig für die eigene Gesundheit.
- Über Belastungen sprechen: Sorgen, Ängste und Schuldgefühle sollten Platz haben. Bei anhaltender psychischer Belastung kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.
- Entlastungsangebote frühzeitig suchen: Es ist besser, Unterstützung zu organisieren, bevor die eigenen Kräfte erschöpft sind.

Care Management und Entlastungsdienst bei Arana Care
Beim Care Management von Arana Care wird regelmässig die psychische und physische Belastung der bei uns angestellten pflegenden Angehörigen erfasst. Wenn wir gemeinsam mit den pflegenden Angehörigen zum Schluss kommen, dass die Belastung - sei dies physisch oder psychisch - zu hoch ist, kann unser Entlastungsdienst dabei unterstützen, Erholung und Regeneration für die betroffene Person zu ermöglichen.
Denn wer sich um andere kümmert, darf sich selbst nicht vergessen.
Die Studien zeigen: Viele Angehörige stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück und erhalten nicht die Unterstützung, die sie sich wünschen. Finanzielle Entschädigung ist ein wichtiger Schritt, reicht allein aber nicht aus. Angehörigenpflege braucht deshalb mehr als Anerkennung. Sie braucht zugängliche Beratungsangebote, psychologische Unterstützung, fachliche Begleitung und konkrete Entlastungsmöglichkeiten.




