Zurück

Musiktherapie

14.4.2026

Musik begleitet uns ein Leben lang. Sie weckt Erinnerungen, berührt Emotionen und kann uns oft genau dort erreichen, wo die Sprache nicht mehr ausreicht. Genau dieses Potenzial nutzt die Musiktherapie gezielt – als therapeutische Methode, die weit über das blosse Hören von Musik hinausgeht.

Zwei Menschen mit Musikinstrumenten in der Hand auf einem Sofa, einer lacht in die Kamera.

Was ist Musiktherapie?

Musiktherapie ist eine anerkannte therapeutische Form, bei der Musik gezielt eingesetzt wird, um körperliche, seelische und soziale Prozesse zu unterstützen. Dabei steht nicht die musikalische Leistung im Vordergrund, sondern das Erleben. Es geht darum, die Wirkung, die Musik auf uns hat, zu nutzen, um Gefühle auszudrücken, innere Spannungen zu lösen, Erinnerungen zu aktivieren oder Kontakt und Beziehungen zu fördern. 

Die Musiktherapie wird immer von ausgebildeten Musiktherapeut*innen begleitet. Die Räume, in denen Musiktherapie angeboten wird, sind oft voller Instrumente - vom Schlagzeug bis zum Triangel und vom Klavier bis zum Cello: Den einsetzbaren Instrumenten sind keine Grenzen gesetzt. 

Die Gestaltung der Stunde kann sehr unterschiedlich ausfallen und hängt von der Form der Musiktherapie und den Klient*innen oder Patient*innen ab. 

Formen der Musiktherapie 

Grundsätzlich unterscheidet man zwei zentrale Ansätze:

  1. Aktive Musiktherapie:

    Hier werden die Patient*innen selbst aktiv. Das kann in Form von Singen, dem Spielen eines Instruments oder Bewegung sein. Dabei ist das Spielen eines Instrumentes auch möglich, wenn der oder die Patient*in noch nie zuvor musiziert hat. Denn es geht nicht um Perfektion oder schönes Spielen - vielmehr geht es darum, die Aktivität anzuregen, den Ausdruck zu fördern, die Selbstwirksamkeit zu stärken oder die Emotionen anzusprechen. Das Musizieren während der Musiktherapie entspricht auch nicht einem Musikunterricht. Es wird viel improvisiert und ausprobiert.
     

  2. Rezeptive Musiktherapie:

    Hier steht das Hören und Spüren von Musik im Vordergrund. Das bewusste Hören von Musik kann die Entspannung fördern, Erinnerungen aktivieren oder emotionale Prozesse anstossen. Die gehörte Musik kann von einem Tonträger kommen oder Live-Musik des oder der Musiktherapeut*in sein. Instrumente wie das Monochord oder auch Klangschalen lassen die Musik spürbar werden. Die Vibrationen der Instrumente sind körperlich wahrnehmbar und haben eine entspannende Wirkung auf den Körper.  

Frau in gestreiftem Oberteil liegt am Boden, jemand hält eine Klangschale über ihren Körper.

Wann wird welche Art eingesetzt?

Die beiden Ansätze werden häufig kombiniert – je nachdem, was gerade hilfreich ist. Beide Methoden sind altersunabhängig und bei einer Vielzahl von Diagnosen einsetzbar. 

Die aktive Musiktherapie wird häufig bei Demenz, Ängsten, nach einem Schlaganfall oder bei psychosomatischen Beschwerden eingesetzt. Auch bei traumatischen Belastungen kann die aktive Musiktherapie eingesetzt werden. Die aktive Musiktherapie fördert kognitive Ressourcen, durch die Aktivierung der rechten Hirnhälfte können blockierte Sprachzentren der linken Hirnhälfte umgangen werden und durch das Greifen von Schlägeln oder Drücken von Tasten werden neue Nervenverbindungen angeregt. 

Die rezeptive Musiktherapie wird oft dann eingesetzt, wenn körperliche oder psychische Faktoren das eigene Spielen des oder der Patient*in unmöglich macht. Bei Depressionen oder Traumata kann die rezeptive Musiktherapie als Türöffner wirken. Über rhythmische Klänge können nach einem Schlaganfall die Gangstabilität verbessert und die Motorik wieder geschult werden.

Beim Wachkoma ist die rezeptive Musiktherapie oft der einzige Zugang. Dabei beobachten die Therapeut*innen die Reaktionen der oder des Patienten anhand der Vitalparameter. Musiktherapie kann über die Frequenz der Klänge den Herzschlag und die Atemfrequenz beeinflussen. Auch eine Veränderung der Mimik des oder der Patient*in ist möglich. 

Bei Depressionen, Traumata oder Autismus wird häufig mit der rezeptiven Musiktherapie begonnen und je nach Entwicklung und Möglichkeiten des oder der Patient*in in die aktive Musiktherapie übergegangen. 

Musiktherapie und Forschung

Die Wirkung von Musiktherapie ist inzwischen gut untersucht – insbesondere bei neurologischen und psychischen Erkrankungen.

Studien zeigen, dass Musiktherapie eine Wirkung auf bestimmte Hormone haben kann. So kann der Dopaminspiegel erhöht und der Cortisolspiegel gesenkt werden. Dopamin ist ein Hormon des Belohnungssystems und wird auch “Glücks-Hormon” genannt. Es steuert Freude, Motivation und Bewegung und kann dadurch beispielsweise bei Parkinson-Patient*innen, die in der Regel einen tiefen Dopaminspiegel haben, unterstützend wirken. Cortisol ist ein Stresshormon und reguliert die Energiebereitstellung, den Stoffwechsel, den Blutdruck und wirkt entzündungshemmend. Ein zu hoher Cortisolspiegel kann zu Schlafstörungen, Gewichtszunahme, Bluthochdruck oder erhöhter Reizbarkeit führen. Häufig haben Menschen mit Krebserkrankungen, Demenz oder Angststörungen einen erhöhten Cortisolspiegel. Hier kann Musiktherapie unterstützend wirken und Entspannung bringen. 

Musiktherapie und Demenz

Bei Demenz können die depressiven Symptome, Ängste und Verhaltensauffälligkeiten reduziert werden durch Musiktherapie. Die kognitiven Fähigkeiten und die Lebensqualität sind in manchen Fällen messbar besser geworden bei Patient*innen welche in der Musiktherapie sind. Zudem kann Musiktherapie bei Menschen mit Demenz eine Möglichkeit sein, in Kontakt zu treten, sich auszudrücken und das Gefühl von Gemeinschaft zu stärken.

Ein älterer und ein jüngerer Herr sitzen auf einem Sofa, der jüngere spielt Gitarre, der ältere lächelt und hört zu.

Musiktherapie und Angehörigenpflege

Das Wirkungsprinzip der Musik auf den Menschen lässt sich ganz einfach in den praktischen Pflegealltag übertragen. Wenn die verbale Kommunikation durch eine fortgeschrittene Demenz oder neurologische Einschränkungen abnimmt, entstehen oft Hilflosigkeit und Distanz zwischen den Betroffenen und ihren Liebsten. Hier setzt die Musik als „Türöffner“ an. 

Die Ansätze der Musiktherapie können durch pflegende Angehörige in den Pflegealltag integriert werden. Die Wirkung der Musik ist nicht der Musiktherapie vorbehalten - bereits gemeinsames Musikhören oder Singen kann eine grosse Wirkung zeigen. 

Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Musiktherapeut*innen eine fundierte Ausbildung absolvieren und über ein tiefes Fachwissen verfügen. Mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung, können Musiktherapeut*innen gezielt gewisse Aspekte oder Wirkungen der Musiktherapie einsetzen und Resultate erzielen, die ohne das nötige Fachwissen nicht erzielbar sind. Es gibt auch Musiktherapeut*innen, die zu Ihnen nach hause kommen, so dass die Musiktherapie zuhause, im gewohnten Umfeld und ohne allfällige Herausforderungen bei der Anreise stattfinden kann.

Wie Musik in der häuslichen Pflege wirkt

  • Entlastung durch positive Emotionen: Gemeinsames Singen oder Musikhören schüttet Endorphine aus – bei beiden Beteiligten. Dies kann aggressive Phasen bei Demenz mildern und die Pflege erleichtern.
  • Strukturierung des Tages: Musik kann Übergänge markieren (z. B. ein bestimmtes Lied zum Aufstehen oder zur Abendruhe), was Sicherheit und Orientierung bietet.
  • Biografische Arbeit: Vertraute Klänge aus der Jugend aktivieren das Langzeitgedächtnis und fördern Identitätserlebnisse, die im Alltag oft verloren gehen.

Musiktherapie in den Pflegealltag integrieren

Wie lässt sich das konkret umsetzen? Es braucht kein Musikstudium, um musikalische Elemente als Ressource zu nutzen. Hier sind bewährte Ansätze für die Angehörigenpflege:

1. Erstellen Sie Playlists für verschiedene Bedürfnisse:

  • Aktivierung: Bekannte Volkslieder oder Schlager aus der Biografie der Person können die Vitalität steigern.
  • Beruhigung: Sanfte, instrumentale Klänge oder Naturgeräusche helfen bei Unruhe am Abend (Sundowning-Syndrom).
  • Schmerzmanagement: Musik kann die Schmerzwahrnehmung senken und zur körperlichen Entspannung beitragen.

2. Gemeinsames Tun:

  • Summen und Singen: Die menschliche Stimme ist das intimste Instrument. Gemeinsames Summen während der Körperpflege kann Angst nehmen und Vertrauen schaffen.
  • Rhythmische Unterstützung: Bei Gangunsicherheit, wie sie nach einem Schlaganfall oder bei Parkinson auftreten kann, kann ein rhythmischer Takt helfen, die Schritte zu synchronisieren und die Mobilität zu fördern.

Unsere Perspektive als private Spitex: Musik als pflegerische Ressource

Als private Spitex die in der Angehörigenpflege tätig ist, begleiten wir Menschen in ihren verletzlichsten Momenten. Wir erleben täglich, dass Pflege weit über die medizinische Versorgung und Körperpflege hinausgeht. Wir sehen in der Musiktherapie ein grosses Potenzial für das Wohlbefinden von pflegenden Angehörigen und ihren Liebsten. Denn die Pflege von Angehörigen kann sowohl körperlich als auch emotional belastend sein - für die Gepflegten und die Pflegenden. Der Einsatz von Musik kann im Pflegealltag Verbindung, Nähe und Entspannung bieten - und Erinnerungen schaffen sowie wecken. 

Fazit

Musiktherapie ist weit mehr als eine „schöne Ergänzung“. Sie ist eine kraftvolle, wissenschaftlich fundierte Methode, die gerade in der häuslichen Pflege tiefe Verbindungen schafft. Sie wirkt dort, wo Worte enden, und stützt das emotionale Fundament zwischen Pflegenden und Gepflegten.