Zurück
Kosten der Krankenkasse: Wer treibt die Krankenkassenprämien wirklich in die Höhe? Eine Faktenanalyse zur Angehörigenpflege
20.3.2026
In den sozialen Medien und öffentlichen Debatten taucht regelmässig ein Vorwurf auf: Private Spitex-Organisationen, die mit pflegenden Angehörigen arbeiten, seien der Grund für die steigenden Krankenkassenprämien. Doch was sagen die Zahlen wirklich? Eine nüchterne Analyse der aktuellen Daten zeigt ein völlig anderes Bild.

Die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) hat im Jahr 2024 medizinische Leistungen von insgesamt CHF 42,2 Milliarden bezahlt – pro versicherte Person sind das im Durchschnitt CHF 391.- pro Monat (Bundesamt für Gesundheit [BAG], 2024). Doch wohin fliesst dieses Geld?
Kostenverteilung in der OKP 2024
(Quelle: BAG, Statistik der obligatorischen Krankenversicherung, Tabelle T 2.17, 2024)

Die Spitex macht rund 4% der OKP-Ausgaben aus – CHF 1,5 Milliarden von CHF 42,2 Milliarden. Bei einer monatlichen Prämie von CHF 400.- entspricht das rund CHF 16.-, die auf die Spitex entfallen. Die Angehörigenpflege – also jener Anteil, der über Spitex-Organisationen an pflegende Angehörige fliesst – macht davon wiederum nur einen Bruchteil aus: rund CHF 100 Millionen oder 0,24% der CHF 42,2 Milliarden OKP-Kosten - und nur 96 Rappen einer monatlichen Krankenkassenprämie von CHF 400.- (Bundesrat, 2025).
Steigende Krankenkassenprämien: Wo liegen die wahren Treiber?
Die Gesamtkosten der OKP wuchsen 2024 erneut deutlich. Per Ende Juni 2025 sind die Kosten im Jahresvergleich um 4,6% gestiegen (BAG, 2025). Die Prämien steigen 2026 entsprechend um durchschnittlich 4,4% auf CHF 393.30 pro Monat (BAG, 2025).
Kostenwachstum ausgewählter Leistungsbereiche 2019–2024:
(Quelle: Obsan & SASIS AG, 2024)
Ja, die Spitex-Kosten sind prozentual stark gewachsen (+40% in fünf Jahren). Diese 40 Prozent entsprechen jedoch in absoluten Zahlen lediglich CHF 0,39 Milliarden – rund 6,7% der gesamten Mehrkosten aller Leistungsbereiche im selben Zeitraum. Damit kommen wir zu der Rechnung, die wirklich zählt:
Die Rechnung, die wirklich zählt: Absolute Zahlen
Mehrkosten 2019–2024 nach Bereich:
- Spital ambulant: +1,89 Milliarden CHF
- Arztbehandlungen: +1,52 Milliarden CHF
- Apotheken: +1,22 Milliarden CHF
- Spital stationär: +0,82 Milliarden CHF
- Spitex: +0,39 Milliarden CHF
(Obsan & SASIS AG, 2024)
Der ambulante Spitalbereich allein verursacht in fünf Jahren fast fünfmal so viel Mehrkosten wie die gesamte Spitex. Die gesamten Spitex-Mehrkosten über fünf Jahre (CHF 394 Mio.) entsprechen gerade einmal dem, was der ambulante Spitalbereich in einem einzigen Jahr an Mehrkosten verursacht. Die Apotheken-Mehrkosten über denselben Zeitraum (CHF +1,22 Mrd.) übertreffen das Spitex-Wachstum um mehr als das Dreifache.
Warum die Angehörigenpflege das System sogar entlastet
Die Betrachtung der Kosten allein greift zu kurz. Entscheidend ist die Frage: Was wäre die Alternative?
Pflegende Angehörige ermöglichen es pflegebedürftigen- und unterstützungsbedürftigen Menschen, länger in ihrem gewohnten Umfeld zu bleiben. Ohne diese Unterstützung müssten viele früher in ein Pflegeheim eintreten – mit entsprechend höheren Kosten für die OKP.
Schweizweit leisteten im Jahr 2020 rund 600’000 Personen informelle Betreuungs- und Pflegearbeit (Otto et al., 2019; aktuellste verfügbare systematische Erhebung). Diese Arbeit entlastet das Gesundheitssystem massiv. Das Bundesgerichtsurteil von 2019, das die Entlohnung pflegender Angehöriger über die OKP ermöglicht, anerkennt diese Realität: Angehörigenpflege als Versorgungsmodell ist nicht nur moralisch wünschenswert, sondern notwendig für eine nachhaltige Pflegepolitik (Bundesgericht, 2019; Gesundheitsdirektion Kanton Zürich, 2025).
Die eigentlichen Kostentreiber im System
Wer ernsthaft über die Kostendämpfung im Gesundheitswesen sprechen will, muss bei den grossen Hebeln ansetzen:
1. Spitalbehandlungen (stationär + ambulant)
Mit zusammen CHF 13,6 Milliarden (33% der OKP) sind Spitalbehandlungen der grösste Kostenblock (BAG, 2024). Allein der ambulante Spitalbereich wuchs zwischen 2019 und 2024 um CHF 1,89 Milliarden (Obsan & SASIS AG, 2024).
Ein wesentlicher Treiber der Prämienentwicklung liegt in der politisch gewollten Ambulantisierung. Aus medizinischer Sicht ist es sinnvoll, Behandlungen wenn möglich ambulant statt stationär durchzuführen: Sie sind für Patientinnen und Patienten weniger belastend und oft gleich wirksam. In der aktuellen Finanzierungslogik hat diese Verschiebung jedoch einen unerwünschten Nebeneffekt: Während stationäre Spitalbehandlungen zu einem erheblichen Teil von den Kantonen über Steuergelder finanziert werden, müssen ambulante Leistungen vollständig über die OKP bezahlt werden. Werden Leistungen vom stationären in den ambulanten Bereich verlagert, sinken zwar die Kantonsausgaben – die Kosten der OKP und damit die Krankenkassenprämien steigen jedoch entsprechend an.
Die Prämienzahlerinnen und Prämienzahler tragen diese Mehrbelastung somit einseitig. Erst mit der Einführung der einheitlichen Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen ab 2028 soll dieses strukturelle Ungleichgewicht korrigiert werden (BAG, 2025).
2. Medikamente
Mit CHF 9,2 Milliarden (22% der OKP) sind Medikamente ein gewichtiger Kostenfaktor (BAG, 2024). Das Kostendämpfungspaket 2 sieht Mengenrabatte bei umsatzstarken Medikamenten vor – Einsparpotenzial: bis zu einer halben Milliarde Franken jährlich (BAG, 2025). Konkret wäre das eine Entlastung von rund CHF 4.- bis 5.- pro Prämie und Monat. Oder anders gesagt: Das Sparpotenzial allein bei Medikamenten würde ausreichen, um das gesamte heutige OKP-Budget für die Angehörigenpflege fast neunmal zu finanzieren.
3. Demografischer Wandel
Die Alterung der Bevölkerung und der medizinische Fortschritt mit neuen, aber kostspieligen Behandlungsmöglichkeiten, treiben die Kosten strukturell (BAG, 2025). Das erhöht den Pflegebedarf erheblich: Pflegeheime und Spitex machen zusammen bereits rund 9% der OKP-Kosten aus (CHF 3,74 Milliarden, BAG 2024) – und machen ambulante, kostengünstige Lösungen wie die Angehörigenpflege umso wichtiger:
Prognosen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums zeigen, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in der Schweiz bis 2040 um rund 69 Prozent steigen wird (Obsan, 2022). Ohne einen massiven Ausbau der Betreuung und Pflege zuhause müsste dieses Wachstum fast ausschliesslich stationär aufgefangen werden – es wären etwa 921 zusätzliche Pflegeheime nötig, mit jährlichen Betriebskosten von rund CHF 6,4 Milliarden und weiteren Milliarden an Investitionen (Obsan, 2022). Gleichzeitig warnt eine Spitalstudie von PwC davor, dass dem Schweizer Gesundheitswesen bis 2040 fast 40'000 Pflegefachpersonen und rund 5'500 Ärztinnen und Ärzte fehlen werden – eine gnadenlose Zuspitzung des Fachkräftemangels, die die Versorgungssicherheit direkt bedroht (PwC Schweiz, 2022). Angesichts dieser Entwicklungen ist der systematische Ausbau und die finanzielle Absicherung der Angehörigenpflege nicht einfach eine sozialpolitische Option, sondern eine gesundheitspolitische Notwendigkeit, um die Pflegeversorgung der älter werdenden Bevölkerung überhaupt sicherzustellen.

Ausblick: Was, wenn die Kosten für die Angehörigenpflege weiter steigen?
Nehmen wir hypothetisch an, die Ausgaben für die Angehörigenpflege würden sich in den nächsten Jahren verdoppeln. Was würde das bedeuten?
Für das Jahr 2024 weist der Bundesratsbericht zur Angehörigenpflege OKP-Kosten von rund CHF 55 Millionen aus (Bundesrat, 2025). Diese Zahl ist aufgrund der fehlenden systematischen Erfassung ausdrücklich mit Unsicherheiten behaftet und wird deshalb in der öffentlichen Debatte häufig hochgerechnet. Auch diese Hochrechnungen sind jedoch mit entsprechender methodischer Vorsicht zu behandeln. Die oft zitierte Grössenordnung von rund CHF 100 Millionen beruht auf solchen Schätzungen.
Selbst unter dieser Annahme bleibt die Angehörigenpflege ein statistisch marginaler Kostenfaktor im Vergleich zu den strukturellen Kostentreibern der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. CHF 100 Millionen entsprechen lediglich rund 0,24% der gesamten OKP-Kosten – also weniger als einem Vierhundertstel. Selbst eine weitere Verdoppelung auf CHF 200 Millionen würde die Gesamtkosten der OKP lediglich um weitere 0,24% erhöhen. CHF 200 Millionen entsprechen in absoluten Zahlen weniger als einem Achtel der Physiotherapiekosten (1,63 Mrd. CHF) – und gerade einmal einem Zehntel des Kostenwachstums, das der ambulante Spitalbereich allein zwischen 2019 und 2024 verursacht hat.
Zum Vergleich: Der ambulante Spitalbereich wuchs allein zwischen 2019 und 2024 um CHF 1,89 Milliarden – das entspricht dem 19-Fachen des gesamten aktuellen Kostenvolumens der Angehörigenpflege (Obsan & SASIS AG, 2024).
Fazit: Den Blick schärfen für die echten Zusammenhänge
Die Behauptung, Anbieter von Angehörigenpflege würden die Krankenkassenprämien in die Höhe treiben, hält einer faktenbasierten Prüfung nicht stand. Die Zahlen zeigen:
- Angehörigenpflege ist ein marginaler Kostenfaktor – rund CHF 100 Millionen oder 0,24% der CHF 42,2 Milliarden OKP-Kosten (Bundesrat, 2025).
- Die grossen Kostentreiber sind Spitalbehandlungen (CHF 13,6 Mrd., 33%) und Medikamente (CHF 9,2 Mrd., 22%) – zusammen über 55% der OKP.
- Ambulante Pflege durch Angehörige ist systemisch günstiger als stationäre Alternativen.
Wer das Gesundheitssystem nachhaltig finanzieren will, sollte bei den CHF 13,6 Milliarden Spitalkosten oder den CHF 9,2 Milliarden Medikamentenkosten ansetzen – nicht bei den Menschen, die ihre Angehörigen liebevoll und kompetent zuhause pflegen.